Kommunikation und Herausforderungen in der Praxis Teil2

Die Woche vertreten wir die Winterlinger Praxis. Da kommen die Patienten auch gerne bis hierher nach Sigmaringen, um das Eine und das Andere durchzusprechen... so sieht es im Kalender dann auch nach einer ziemlich gemischten Truppe aus...

Ist ein wirklicher Vorteil... selbes Arbeitsprogramm, alle Unterlagen sind da und meist kennt man die Menschen auch.... Da kommt eine Patientin mit Maske, sieht auch schon traurig aus, wenn man sie so sieht, und klagt seit einer Woche über deutliches Krankheitsgefühl mit Husten und Luftnot. Über der Lunge ist da auch was los, Quietschen und Brummen...

Da hilft dem tapferen Frauchen am besten ein Antibiotikum und so einigen wir uns auch. Krankmeldung will sie keine, arbeitet selbstständig beim Mann mit. Auf diese Menschen muss man besonders achten, die sind gerne unvernünftig und häufig viel zu früh wieder mit im Geschehen dabei...

Wir haben im Moment wieder einen Studenten mitlaufen. Aus Tübingen, weil wir ja Lehrpraxis sind. Viele Studenten kommen allerdings auch aus anderen Universitäten, meist weil sie Verwandtschaft in der Nähe haben. Er macht einige Voruntersuchungen bei Patienten, und wir Ärzte müssen darauf achten, dass auch jeder Patient wirklich von uns nochmal gesehen wird....

Leider sind wir für die Tübinger Studenten etwas schlecht zu erreichen, weil man immer eine Stunde Anfahrt hat. Der Kollege hat sogar doppelt Pech. Praxis weit entfernt und noch Schienenersatzverkehr. Das bedeutet 2 1/2 Stunden für eine Strecke. Tapfer zieht er das durch und dafür bekommt er dann ja auch seine Bescheinigung. Auch darf er viel sehen bei uns, mit diagnostizieren usw., so dass es ein spannendes Praktikum für ihn sein soll.

Die jungen Leute sind immer sehr motiviert und sehr angenehm im Umgang. Das macht dann schon Mut für die kommenden Jahre. Tatsächlich wäre es toll, wenn der eine oder andere Student/in wieder käme als Arzt, aber die haben natürlich alle Fachrichtungen und alle Wege offen. Und bisher kam noch niemand zurück. Versteht man ja auch und vielfach bleibt es dann einfach bei einem Baustein in deren Leben... die Zeit mit uns.

Männer haben wir mittlerweile selten, weil inzwischen eben 80 % Frauen Medizin studieren. Sind halt wirklich clever die Damen und lassen sich schon von klein auf gut beschulen... Wir brauchen inzwischen fast eine Männerquote...

Frauen haben ein gutes Gespür, bringen Menschlichkeit rein und revolutionieren auch alte und trockene Strukturen... alleine, es kommen nur selten 100% Anstellungen dabei raus und so kann man inzwischen zwei Frauen auf eine Stelle rechnen. Und im Vergleich zu vor 20 Jahren fallen bald täglich noch bis zu 4 Stunden Arbeitszeit weg, die damals an unbezahlten Überstunden geleistet wurden... Das merkt man....

War sicherlich nicht so gut, wie es damals gelaufen ist, habe das ja auch noch so kennengelernt. Leben gehört eben auch noch dazu, also außerhalb der Arbeit... aber wir müssen uns den Konsequenzen der geringen Präsenzzeiten stellen... Wir brauchen gute Lösungen für die Zukunft.

Viele Deutsche gehen übrigens nach Bulgarien zum Studieren... da werden hohe Studiengebühren gezahlt und die Universitäten leben von den ausländischen Studenten.

Der Kollege hat hier, sicherlich als Einzelfall, den Weg andersrum beschritten. Aus Bulgarien gekommen mit super Noten, studiert er jetzt in Tübingen... auch gut.

Aus der Sprechstunde: Kontrolle Bauchaortenaneurysma, Asthma bei einem Mädchen, Rektusdiastase, das ist eine Vorwölbung des mittleren Bauches durch Ausdehnung und Schwäche der Sehnenplatte, Impfungen, Infekte... täglich Brot eines Hausarztes....

Jetzt am Abend steht der Rettungsdienst bei einem hochbetagten Mann am Bett, schwer dement und mit schlechtem Allgemeinzustand... Austrocknung, Unruhe, Aggression, Schreien. Die Familie ist fertig. Die Frau ist eben auch sehr alt und der Sohn nicht mehr in der Lage, so weiterzumachen. Die Lage hat sich in den letzten Tagen rasch verschlechtert.

Der Rettungsdienst stört sich an dem „Nein“ des Patienten zur Einweisung, aber da hilft ja nichts, das muss von Grund auf neu aufgesetzt werden die Versorgung – und die Familie braucht Luft...

Ich kann den Rettungsdienst also überzeugen, den Patienten doch noch mitzunehmen, und eine Generalvollmacht liegt ja auch vor... Ich rufe dann im Krankenhaus an und beschwöre die Kollegin, den alten Herren nicht mehr nach Hause zu lassen. Sie verspricht mir, gut zu schauen....

Ich werde die Tage wohl erfahren, wie es weitergegangen ist.

Für mich geht der Tag heute zu Ende, morgen geht es weiter und in der Regel ja immer mit einigen Überraschungen über den Tag.

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