Weihnachten, die Arztpraxis und die leisen Momente des Alltags

Die Vorweihnachtszeit hat begonnen. Überall glitzern Lichter, und auch bei uns in der Praxis ist alles festlich dekoriert. Kerzen, Kugeln, kleine Tannenbäume – die Dekoration schafft eine warme Atmosphäre, die vielen Menschen in dieser hektischen Jahreszeit guttut.

Doch trotz all der Mühe und des Glanzes scheint die Stimmung nicht so recht überspringen zu wollen. Vielleicht liegt es daran, dass Weihnachten, mittlerweile, schon im September in den Regalen der Supermärkte Einzug hält. Dominosteine und Weihnachtsmänner begrüßen uns oft schon direkt nach den Sommerferien. Diese allgegenwärtige Dauerpräsenz hat den Zauber der Adventszeit ein Stück weit überlagert.

Dazu kommt der ganz normale Alltagsdruck. Meine Tochter steckt mitten im Prüfungsstress, wie so viele Schüler im G8-Gymnasium – ein System, das den Druck auf junge Menschen enorm erhöht hat. Es bleibt kaum Raum für etwas anderes als Lernen. Doch nicht nur die Kinder sind gefordert: Auch für uns Erwachsene scheint die Zeit immer schneller zu vergehen. Bei uns in der Praxis lautet das Motto oft: Termine, Termine, Termine.

Gerade jetzt, in dieser hektischen Vorweihnachtszeit, finde ich es wichtig, Momente der Ruhe zu schaffen und bewusster hinzuschauen – nicht nur auf die To-do-Listen, sondern auf die Menschen um uns herum.

In den letzten Wochen gab es Augenblicke, die mich innehalten ließen. Ich konnte mehreren Familien kondolieren, die einen geliebten Menschen verloren haben. Das ist ein schwerer Teil unserer Arbeit, aber ich halte ihn für wesentlich. Ein Mensch, den man über Jahre hinweg begleitet hat, hinterlässt Spuren – und auch wir Ärzte haben die Verantwortung, den Angehörigen in dieser schwierigen Zeit beizustehen.

Besonders wichtig ist es mir, Zeit für Sterbebegleitung zu finden. Diese letzten Schritte im Leben eines Menschen verdienen Aufmerksamkeit, Respekt und Einfühlungsvermögen. Oft sind es die kleinen Zeichen – ein Krankenhausaufenthalt, vermehrte Anfragen nach Unterstützung oder die leise Bemerkung, dass es schlechter geht – die mich aufmerksam machen. Dann ist es manchmal nötig, die Sprechstunde umzuplanen und einen Hausbesuch zu machen.

Dabei geht es nicht darum, alles zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist. Es geht vielmehr darum, zuzuhören, Ängste zu nehmen und einfach da zu sein. Ein Besuch in den eigenen vier Wänden, ein paar beruhigende Worte – das kann so viel bewirken. Es schafft Geborgenheit und gibt den Menschen das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Vielleicht ist genau das der Geist von Weihnachten: da zu sein, Wärme zu schenken und die Menschen in ihrer Zerbrechlichkeit anzunehmen. Gerade in Schmerz und Trauer spüren viele eine tiefe Sehnsucht nach Frieden. Es sind nicht die materiellen Dinge, die in solchen Momenten zählen. Es ist das Bedürfnis, sich versöhnt zu fühlen, Ruhe zu finden und oft auch Trost im Glauben zu suchen.

Interessanterweise zeigen Studien, dass gläubige Menschen oft besser durch Krisen kommen. Sie finden Halt in etwas Größerem, in einem Vertrauen, das auch in schwierigen Zeiten trägt.

In unserer Praxis haben sich einige Kolleginnen in der Palliativversorgung fortgebildet, weil sie diesen Bereich als bedeutsam empfinden. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag, sterbenden Menschen einen friedlichen Abschied zu ermöglichen – eine Aufgabe, die nicht nur schwer, sondern auch erfüllend sein kann.

Neben all den ernsten Themen gibt es bei uns in der Praxis aber auch viel Lachen. Die Arbeit hier bringt nicht nur Herausforderungen, sondern auch schöne Momente. Ein Gespräch mit einem Patienten, ein freundlicher Austausch unter Kollegen – oft sind es die kleinen Dinge, die den Tag besonders machen.

Ein Patient erzählte mir kürzlich, wie sehr ihn die Probleme der Welt belasten – so sehr, dass er depressiv wurde. Es hat mich nachdenklich gemacht. Vielleicht sollten wir alle mehr auf das Naheliegende achten: die Menschen um uns herum, die kleinen Freuden des Lebens. Ein Lächeln, ein nettes Wort oder eine Geste der Hilfsbereitschaft – manchmal reicht das schon, um die Dunkelheit zu vertreiben.

Freude schenken bedeutet auch, selbst Freude zu empfangen. Das ist eine Botschaft, die in unserer hektischen Welt oft verloren geht. Doch es lohnt sich, daran zu erinnern – nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über.

Vielleicht ist das die Essenz von Weihnachten im Alltag: ein Moment des Verstehens, ein Lachen, das Wissen, dass wir füreinander da sind.